Vor zwei Jahren wurde in Russland erstmalig ein Rückgang der Wodkaproduktion gemeldet, und tatsächlich hat der westliche Einfluss in den russischen Metropolen eine Veränderung des Lebensstils und der Trinkgewohnheiten mit sich gebracht: An die Stelle von Wodka sind bei den Besserverdienenden und Gebildeten »Longdrinks« und italienische oder französische Weine getreten. Doch das Bild in den Großstädten spiegelt nicht die Wirklichkeit in den kleinen russischen Städten und Dörfern, in denen zwei Drittel der Bevölkerung leben. Im Gegenteil zeigen alle Statistiken, dass die Trunksucht in Russland für Abermillionen von Menschen noch immer zur Alltagskultur gehört. Sonja Margolina, selber in Russland aufgewachsen, zeigt in diesem Buch, in welchem Ausmaß der Wodka die Wirtschaft und Politik Russlands geprägt hat. Um seine Kriege und seinen Polizeiapparat zu finanzieren, führte schon Iwan der Schreckliche das Staatsmonopol für alkoholische Getränke ein. Das Trinken in den Staatsschenken wurde zur Pflicht des Untertanen, und aus der Pflicht wurde Abhängigkeit: die der Menschen vom Alkohol und jene des Staates von den Spritabgaben. Alle wichtigen staatlichen Institutionen - vor allem aber Kirche und Armee - brachte der Wodka in seine Gewalt. Er entschied über militärische Siege und Niederlagen, beeinflusste den Verlauf der bolschewistischen Revolution, finanzierte die Bürokratie und blockierte jede Reform, die seine Allmacht hätte gefährden können. Wodka war die wichtigste Einnahmequelle der weißen wie der roten Zaren. Als Michail Gorbatschow schließlich versuchte, ihn zu verbieten, zog das den Kollaps des Staates nach sich. Das hochprozentige »Wässerchen« hat auf dem russischen Sonderweg eine verhängnisvolle Rolle gespielt und ist inzwischen sogar eine Gefahr für das Fortbestehen Russlands in seinen heutigen Grenzen. Mit Hilfe des Wodka, so Sonja Margolinas Resümee, begeht das russische Volk historischen und geopolitischen Selbstmord - ein in der Geschichte einmaliger Vorgang.